Donnerstag, 23. Mai 2013

Rezension: Buchland (Markus Walther)






Titel: Buchland
Reihe: nein
Verlag: Acabus
Broschierte Ausgabe mit 232 Seiten
ISBN 978-3-86282-186-0
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: keine Angaben
Preis: 12,90 Euro







Klappentext: 

Dieses Antiquariat ist nicht wie andere Buchläden!

Das muss auch die arbeitslose Buchhändlerin Beatrice feststellen, als sie notgedrungen die Stelle im staubigen Antiquariat des ebenso verstaubt wirkenden Herrn Plana annimmt. 
Schnell merkt sie allerdings, dass dort so manches nicht mit rechten Dingen zugeht: Wer verbirgt sich hinter den so antiquiert wirkenden Stammkunden "Eddie" und "Wolfgang"? Und welche Rolle spielt Herr Plana selbst, dessen Beziehung zu seinen Büchern scheinbar jede epische Distanz überwindet?
Doch noch ehe Beatrice all diese Geheimnisse lüften kann, gerät ihr Mann Ingo in große Gefahr. Beatrice setzt alles daran, ihn zu retten. Zusammen mit Herrn Plana begibt sie sich auf eine abenteuerliche Reise quer durch das mysteriöse Buchland. 
Und schon bald steht fest: Es geht um viel mehr, als bloß darum, Ingo zu retten. Vielmehr gilt es, die Literatur selbst vor ihrem Untergang zu bewahren!

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Story und Charaktere:

Als Bea im Antiquariat von Herrn Plana die Stelle annimmt, weiß sie noch nicht, dass sie das tut, weil sie eine Mission zu erfüllen hat. Schon bald ändert sich das jedoch und sie erfährt, dass sie ein Buch schreiben muss, um das Buchland zu retten.
Um allerdings dieses Buch schreiben zu können, muss sie sich zunächst ihren eigenen Dämonen stellen. Sie muss den Tod ihrer kleinen Tochter verarbeiten und mit ihrem alkoholabhängigen Mann ins Reine kommen. Sie muss zu sich selbst finden und ihrer Liebe zum geschriebenen Wort freien Lauf lassen.
Auf ihrem Weg trifft sie auf Kunden, die seltsamerweise die Namen großer, bekannter Schriftsteller tragen und deren Zeit entsprechend gekleidet sind, sie dringt tief in die Geheimnisse des Buchlandes ein, gelangt an Orte, die direkt ihrer Fantasie entsprungen zu sein scheinen und erfährt Dinge, die unglaublicher nicht sein könnten.

Markus Walther hat eine Geschichte um zwei Charaktere gesponnen, die den Leser auf eine Reise entführen, die er nicht so schnell vergessen wird, aus der er während des Lesens nur schwer auftauchen kann und die so unglaublich ist, dass sie nicht mehr loslässt.

Wir bewegen uns mit Herrn Plana und Bea in rasender Geschwindigkeit durch das Buchland. Mal sind es enge Gänge, die wir beschreiten, mal große Hallen die wir betreten. Es geht weit hinauf und tief hinunter, an Orte, an denen es wunderschön ist, in Ecken, die gefährlich sind und nie ist etwas so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Genau das macht diese Geschichte so spannend und zu einem berauschenden Abenteuer der besonderen Art.

Mit Herrn Plana und Bea, hat sich Markus Walther zwei besondere Charaktere erdacht, die sehr unterschiedlich sind. Herr Plana ist ein alter Mann, der immer wieder von starken Schmerzen heimgesucht wird, für die es nur eine Linderung gibt – das geschriebene Wort. Wenn Bea ihm vorliest, lassen die Schmerzen nach und er kann sie weiter auf ihrem Weg begleiten. Herr Plana ist auch nicht irgendein Antiquar, sondern, wie er Bea bald schon erklärt, ein Auktoral. Laut Definition der Notizen des Auktorals am Ende des Buches, bedeutet das folgendes:

„Auktoral ist ein Kunstwort abgeleitet von dem lat. auctor (Autor). Ein auktorialer Erzähler steht über der Geschichte und ist somit allwissend. Im direkten Gegensatz dazu steht der Ich-Erzähler, der die Identität eines Darstellers annimmt und aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt. Es zeugt von Genius oder Wahnsinn, wenn ein Schriftsteller beides in einen Topf wirft. Wer würde dergleichen Paradoxes tun?“

Was das für dieses Buch, das aus der Ich-Perspektive von Herrn Plana geschrieben ist, bedeutet, muss der Leser für sich selbst herausfinden. Mich hat diese Herangehensweise an eine Geschichte überrascht und absolut fasziniert.

Bea ist ein eher wankelmütiger Charakter. Während Herr Plana einen Plan verfolgt, dessen Ziel er selbst noch nicht kennt, macht Bea ein paar Schritte nach vorn und dann wieder einige zurück. In einem Moment strotzt sie vor Selbstbewusstsein, im anderen haben wir es mit einem Häufchen Elend zu tun. Mal ist sie stark, mal ist sie schwach. Sie zeigt uns das Gesamtpaket der Emotionsleiter, die ein Mensch durchlebt, der nicht weiß, wo er gerade steht, manchmal keinen Ausweg sieht, aber dann doch zielstrebig sein möchte. Man hat automatisch eine Menge Verständnis für sie, will sie aber hier und da auch gerne einmal anschreien. Gut, dass es in solchen Momenten Herrn Plana und seine Bücher gibt, die hier und da eingreifen, wenn man als Leser schon das Gefühl hat, dass jetzt gleich alles den Bach runtergeht.

Was mir besonders gefallen hat:

Dieses Buch, das für mich eine einzige Liebeserklärung an die Literatur darstellt, mit eigenen Worten zu beurteilen, fällt mir sehr schwer. Obwohl „Buchland“ nur 232 Seiten hat, ist es inhaltlich so voll, wie ein 1000seitiger Wälzer. Hier wurde ein „Zwischenzeiler“ geschrieben, der jedem, der Bücher liebt, das Herz aufgehen lässt. Es gibt so viele kleine Andeutungen und Hinweise auf klassische Werke, so viel Humor zwischen den Zeilen, so viele Denkanstöße, die umrissen, aber nicht ausgesprochen werden, dass der Kopf beim Lesen so beschäftigt ist, wie bei keinem zweiten Buch. Markus Walther spinnt hier ein Netz aus Fantastischem und Wirklichkeit, schafft die Gratwanderung, so viel wegzulassen, aber doch genug zu sagen, dass im Kopf des Lesers eine wahrhafte Explosion eigener Kreativität und Gestaltungsmöglichkeit des Buchlandes stattfindet und  man so unweigerlich von seinen Worten gefangen wird. „Die hohe Kunst des Weglassens“ ist nicht nur ein Kapitel im Buch, sondern sie wurde hier auch meisterhaft umgesetzt.

Wir begegnen in diesem Buch den ungeschriebenen Büchern undden entbehrlichen Büchern, geflügelten Worten kann man fast die Hand reichen. Persönlich und in Worten, treffen wir auf einige der großen Schriftsteller, die unsere Literatur über lange Zeit hinweg geprägt haben. Edgar Allan Poe oder auch Goethe haben hier ihren Auftritt. Wir sehen uns Pegasos und Kalliope gegenüber, hören von Platon und Sokrates, Mark Twain, Jean de la Fontaine, Michael Ende aber auch Karl May. Wir begegnen dem personifizierten Tod, wie wir es doch ähnlich auch von einem weiteren großen Autor kennen, einem blinden Buchbinder und sogar einem Richard Doe. Das Auftauchen von Richard Doe, ist einer der Momente, in der dem Leser, der sich der Bezeichnung dieses namens (hoffentlich) bewusst ist, mehr als einmal ein Schmunzeln entlockt wird. Mit eben dieser Szene, sowie einigen weiteren, nimmt Markus Walther Kritik in seinen Text auf, die so subtil eingebracht wird, dass ich mehrmals den Kopf schütteln musste, als sich ein Lächeln auf meine Lippen stahl.
„Subtil“ - ich glaube, dieses Wort ist genau das richtige, für all das Unterschwellige aus all den verschiedenen Lebensbereichen, das in diesem Buch seinen Platz findet.

Was mir nicht so gut gefallen hat:

Das Buch hat zwei Momente, die mich etwas irritiert haben, weil ich sie so überzogen fand. Zum Einen fühlte ich mich plötzlich an den gläsernen Fahrstuhl aus Charlies Schokoladenfabrik erinnert, der etwa 2 Stunden lang bis in die Wolken fährt und zum Anderen war mir der Ritt auf Pegasos einfach zu dick aufgetragen. Das ist allerdings aber wohl eher Geschmackssache.
Etwas seltsam fand ich auch die Darstellung von Herrn Plana, der trotz starker Schmerzen, die ihn manchmal regelrecht umhauen, beispielsweise 16 km Weg unter anderem auf den Oberseiten von Bücherregalen zurücklegt. Das schien mir nicht ganz durchdacht.

Zusatz: Altersempfehlung und Zielgruppe

Ich denke, dass sich dieses Buch nicht für jeden Leser eignet, der hinter dem Titel und dem Klappentext eine fantastische Geschichte erwartet. Der Text ist so vielschichtig und durchtränkt mit Anspielungen, Andeutungen, Unausgesprochenem und Nichtgesagtem, dass jemand, der sich schwer damit tut, zwischen den Zeilen zu lesen, in diesem Buch vielleicht eine Enttäuschung erleben wird. Klassische Literatur sollte kein Fremdwort für jemanden sein, der das Buch in die Hand nimmt und die Erwartung sollte sich nicht an einen kurzweilig, einfachen Text lehnen.
Meine persönliche Altersempfehlung wäre etwa ab 15 Jahren, wenn der/diejenige recht belesen ist und Spaß an diesem Buch entwickeln kann. Sonst sehe ich es eher in den Händen von Erwachsenen.

Gestaltung:

Eine schwarze Frauensilhouette vor einem beige-braunfarbenem Hintergrund, der verschiedene Figuren der Weltliteratur zeigt, trifft ganz genau den Kern des Buches. Wer nicht schon beim ersten Draufschauen vom Cover gefesselt ist, wird beim zweiten Hinsehen, nach dem Lesen erkennen, dass dieses Buch gar keine andere Gestaltung zulässt. Sie ist rundum gelungen.

Wertung:

Der Inhalt dieses Buches hat mich absolut begeistert. Die Liebe zum geschriebenen Wort, die hier vom Autor im Herzen des Lesers noch einmal ganz neu entfesselt wird, reicht bis in den hintersten Winkel des Herzens, zündet ein Lichtlein an und schenkt dir innere Wärme. Dieses Buch ist ein klares „Ja“ an die Literatur. Ein Buch, das ich allen, die Bücher lieben, nur empfehlen kann und deshalb mit 5 Lila-Lesesternen bewerte.




1 Kommentar:

  1. Huhu!

    Eine wunderbare Rezension, die einem das Buch wirklich näherbringt! Eigentlich eine Schande, dass ich es als Leseratte noch nicht gelesen habe, es steht aber schon länger auf meiner Wunschliste...

    LG,
    Mikka

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