Sonntag, 12. Mai 2013

Rezension: Der verbotene Schlüssel (Ralf Isau)





Titel: Der verbotene Schlüssel
Reihe: nein
Verlag: cbj
Hardcoverausgabe mit 505 Seiten
ISBN 978-3-570-13834-2
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: ab 12 Jahren
Preis: 18,99 Euro
Auch als Taschenbuchausgabe für 9,99 Euro erhältlich





Klappentext: 


„Manche Dinge bleiben besser für immer unentdeckt.“

Nur kurz denkt Sophia an diesen Rat, als sie das Erbe ihres geheimnisvollen Großvaters annimmt: Der alte Mann, den sie selbst nie gekannt hat, vermacht ihr eine komplexe kleine Maschine, die wie ein Uhrwerk voller Zahnrädchen und Halbkugeln aussieht. Und dazu einen Schlüssel – vor dem ein Brief des Großvaters eindringlich warnt. Der verbotene Schlüssel – Sophia kann ihm nicht widerstehen. Sophia zieht das Uhrwerk auf und findet sich in einem bizarren, gefährlichen Reich wieder...

„Abenteuerlich, originell, spannend und klug – von Ralf Isau, dem Meister des fantastischen Romans!“

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Story und Charaktere:

Sophia ist 14 Jahre alt, Waise und stammt aus einer alten Uhrmacherfamilie. Ihre Eltern starben bei einem Autounfall an gleichzeitigem Herzstillstand. Ein Fakt, den Sophia nicht wirklich glauben will. Richtig skeptisch wird sie, als sie das Erbe ihres Großvaters antreten soll, den sie bisher weder kannte noch jemals vorher gesehen hat und die Nachricht erhält, dass er ebenfalls an plötzlichem Herzstillstand verschieden sein solle.
Neben einer kleinen Eigentumswohnung erbt Sophia „Das merkwürdigste Buch der Welt“ und ein Fabergè-Ei, das man bisher nur aus Skizzen kannte. Obwohl der Notar Sophia eindringlich davor warnt, das Fabergè-Ei zu öffnen, bevor sie das Buch ihres Großvaters gelesen hat, kann sie nicht anders, als einen Blick hineinzuwerfen. Ein seltsames kleines weiteres Ei steckt darin und mit ihm ein wundersamer Schlüssel.
In der Wohnung ihres Großvaters will sie das kleine Ei nun öffnen, bemerkt aber vorher, dass seltsamerweise sämtliche Uhren in allen Räumen um exakt 13:16 Uhr stehengeblieben sind – dem Todeszeitpunkt ihres Großvaters. Während sie es sich auf einem Sessel bequem macht und anfängt, das ihr hinterlassene Buch zu lesen, um herauszufinden, warum sie das kleine Ei nicht öffnen soll, fangen die Uhren plötzlich wieder an zu ticken – exakt eine Woche nach dem Tod ihres Großvaters.
Das Buch, das er ihr hinterlassen hat, enthält eine seltsame Geschichte – den Mythos von Ys. In ihm ist vom „Buch der Zeit“ die Rede und einem Stundenwächter, der es auf genau dieses abgesehen hat. Dieses Buch soll sich nun in Sophias Besitz, in Form des kleinen Eis im Fabergè-Ei befinden. Sophia glaubt natürlich kein Wort davon, steckt den Schlüssel in das Ei, dreht ihn herum und muss schon bald feststellen, dass das keine gute Idee war.
Plötzlich befindet sie sich in Mekanis und dort ausgerechnet im Labyrinth der Zeit. Decken und Wände bewegen sich und drohen sie zu zerquetschen. Hektisch bewegt sie sich durch die seltsamen Gänge, bis sie auf Theo trifft – einen Jungen aus dem 16. Jahrhundert, der ihr prompt erzählt, dass er Sophia aus seinen Träumen kennt.
Er erzählt ihr außerdem vom kosmischen Mechanismus und wechselt mit Sophia in die Menschenwelt zurück. Ab jetzt beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit dem Benutzen des Welteneis, hat Sophia den Stundenwächter auf sich aufmerksam gemacht. Er ist der Herrscher von Mekanis, einer Welt, in der alles mechanisch ist und ihm damit unterwürfig. In ihrer Welt braucht er nur jemanden zu berühren, um ihn zu einem willenlosen Roboter zu machen.
Theos und Sophias Aufgabe ist es nun, dafür zu sorgen, dass Oros, der Stundenwächter, wieder in seiner Welt verschwindet und dort für immer erstarrt. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellen soll.

Obwohl Sophia die Hauptprotagonistin des Buches von Ralf Isau sein soll, nimmt diesen Platz schon bald Theo ein. Theo stammt aus dem 16. Jahrhundert und erzählt im Laufe des Buches seine Geschichte, wie er in Mekanis gelandet ist, was es mit dem Weltenei auf sich hat und wie dessen Funktionsweise ist. Er erzählt uns von Oros, dessen Leben und Eigenschaften, sowie dessen Boshaftigkeit und weist uns außerdem immer wieder darauf hin, wie mechanisch unsere Welt geworden ist. Durch ihn hören wir von griechischen Personen, deren Namen dem ein oder anderen sicher geläufig sind. Er erzählt uns von seinem Meister Poseidonios, dessen Gehilfe Agamemnon, einem Flüchtigen namens Hyrkan und auch Pythagoras bleibt nicht unerwähnt. Während man sein Leben verfolgt, stellt er uns viele tolle Charaktere vor – wie etwa seine Freunde, die er in Mekanis gewonnen hat. Aus irgendeinem Grund besitzt Theo die Gabe, Maschinen zu beseelen, wenn er sie in dieser seltsamen Mechanikwelt berührt. Sobald er das tut, haben die Maschinen plötzlich einen freien Willen und handeln nicht mehr, wie es ihnen die Befehle ihres Herrschers vorschreiben. Auf diese Weise gewinnt Theo ein paar sehr ausgefallene Freunde hinzu.
Theo ist es auch, der uns die Nebencharaktere, die uns auf den 505 Seiten begegnen, belebt. Durch ihn erhalten wir jede Menge Hintergrundwissen zu den einzelnen Figuren, sodass sie nicht einfach nur ein Name bleiben. Geschickt verstrickt Ralf Isau hier eine Geschichte mit einem Text der randvoll an Informationen ist.
Sophia, die in den Zwischenkapiteln zur Geschichte von Theo die Hauptfigur ist, ist diejenige Figur, die das Abenteuer voranbringt. Durch sie kommt man immer näher an die Lösung heran, auf dessen Suche sie sind. Mit ihrer Luftbibliothek (dem Internet), begeistert sie Theo immer wieder. Da er aus dem 16. Jahrhundert stammt, ist das ganze neumodische Zeug schwer für ihn zu begreifen. Eines jedoch weiß er ganz genau – Oros kann jede Maschine beherrschen und kontrollieren. Genau das kommt ihnen auch immer wieder in die Quere, denn wo in unserer Welt, gibt es keine Technik? Vom Ipod bis zur Straßenampel ist alles mechanisch und damit für Oros verwendbar, um ausfindig zu machen, wo die beiden stecken und um sie aufzuhalten.
Oros ist der Böse in diesem Buch. Er ist der Stundenwächter, der die Zeit regiert – würde er jedenfalls gerne, denn es gibt ganz exakt eine Sache, die er nicht beherrschen kann – Uhren. Sie bleiben einfach stehen, wenn er kommt und unterwerfen sich ihm nicht. Gefährlich ist nicht nur seine Berührung, sondern auch sein Blick. Mit Stock und Brille als Blinder getarnt, macht er einen hilflosen Eindruck. Sobald er die Brille jedoch absetzt, ist sein Blick tödlich.
Neben diesen drei Figuren, die uns durch das gesamte Buch begleiten, tauchen viele weitere liebenswerte Charaktere auf, die der Leser ins Herz schließen wird. Ich habe ganz besonders den kleinen goldenen Bären Arki ins Herz geschlossen, über den ich euch aber nicht zu viel verraten will. Er ist auf jeden Fall eine tolle kleine helfende Hand, in diesem riesigen Zeitspektakel.

Was mir besonders gefallen hat:

Ralf Isau hat dieses Buch auf dem Hintergrund geschrieben, dass er sich mit dem Verschwinden der Zeit zwischen dem 4. und 15. Oktober 1582 auseinandergesetzt hat. Wir alle wissen vom gregorianischen Kalender, doch in wie weit stimmt das alles, was uns darüber erzählt wird? Wo sind die 10 Tage hin, die hier einfach verschwunden sind? Genau darum geht es in diesem Buch.
Wir haben hier also einen historischen Moment, um den sich alles zu drehen scheint. Um gleich in dieser historischen „Schublade“ zu bleiben, präsentiert uns Ralf Isau eine Geschichte, in der es von historischen Momenten und Personen nur so wimmelt. Wir hören vom Brand der Bibliothek von Alexandria, der Rettung wichtiger Papiere daraus, von griechischen Philosophen, sowie von griechischen Götter- und Heldensagen. Eine Mischung mit der Gegenwart, die die Geschichte lebendig werden lässt. Das macht Ralf Isau auch zu einem so außergewöhnlichen Schriftsteller. Ich kenne keinen zweiten, der die Vergangenheit so wunderbar mit der Gegenwart verbindet und daraus so fantastische Fantasybücher zaubert. Obwohl seine Bücher immer eine höhere Seitenanzahl haben, wirken sie auf mich sehr kurzweilig. Ich habe mich auch hier wieder keinen Moment gelangweilt.

Neben dem genannten historischen Punkt, spricht er außerdem einige Dinge aus dem „wahren Leben“ an. Er sorgt dafür, dass man sich Gedanken darüber macht, wie frei unser eigener Wille eigentlich ist, wie viel Selbstbestimmung wir noch haben und darüber, was ein einziger Gedanke für eine Wirkung erzeugen kann. „Sind wir uns der Wirkung unserer Gedanken auf unser Tun bewusst?“ Diese Frage stellt Ralf Isau im Nachwort zu seinem fantastischen Roman. Wenn man ihn gelesen hat, wird die Beantwortung der Frage mit Sicherheit nicht mehr so eindeutig ausfallen, wie sie am Anfang vielleicht noch erscheinen mag.
Mit seiner mechanischen Welt Mekanis, greift er der Frage voraus, was passieren würde, wenn wir plötzlich nur noch handeln, aber nicht mehr fühlen würden. Handeln setzt nicht voraus, dass wir unseren Verstand verwenden, sondern, dass wir dem Folgen, was uns vorgeschrieben wird. Sind wir bereits an dem Punkt angekommen, wo wir uns in genau diese Richtung bewegen? Ralf Isau ist und bleibt nicht unbedingt leicht verdaulich. Das, was er mit seinen Büchern erschafft, ist immer auch ein individuelles in sich Hineinhorchen.

Ralf Isaus Schreibstil, seine Ideen, Charaktere und Geschichten entführen mich jedes Mal erneut in eine fantastische Welt, die der unseren gar nicht so fern ist. Aus jedem Buch nehme ich mindestens einen Charakter mit, den ich danach nie wieder vergesse. Er schafft es tatsächlich, dass Nebencharaktere so wunderbar wirken, dass man sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Zusatz Altersempfehlung und Zielgruppe:

Was ich für weniger geschichtsbegeisterte Menschen etwas schwierig finde, ist die Fülle an Namen und kleinen Andeutungen auf verschiedene geschichtliche Epochen, Figuren etc. Damit könnte der Text für den ein oder anderen sehr ermüdend wirken oder auch etwas verwirrend sein. Vielleicht findet sich hier und da auch ein schwebendes Fragezeichen über den Köpfen. Wer sich also lieber mit „einfacher“ Fantasy auseinandersetzt, könnte es hier ein bisschen schwerer haben.
Gerade die Leseempfehlung ab 12 Jahren lässt mich etwas unschlüssig zurück. Ich glaube einfach, dass dieser Roman besser für höhere Alterskategorien geeignet ist, um den Text wirklich zu verstehen. Da die Hauptprotagonistin selbst 14 Jahre ist, denke ich, dass dies auch das geeignetere Lesealter ist, wenn betreffende Person zur Zielgruppe gehört.

Gestaltung:

Die Gestaltung des Covers ist einfach aber wirkungsvoll. Passend zum Titel wurde der verbotene Schlüssel abgebildet, der sich vom rot-schwarzen Hintergrund abhebt. Er hat ein paar Zahnrädchen, einen Flügel und hängt an einer Kette. Oben am Titel wurden ebenfalls zwei Zahnräder abgebildet. Die Gestaltung des Covers sagt im Endeffekt mehr aus, als es im ersten Moment den Anschein haben mag. Aber so ist es mit den Büchern von Ralf Isau immer. Selbst das unscheinbarste Element auf dem Cover, kann am Ende die größte Bedeutung haben.

Wertung:

Ich denke, aus obigen Text geht klar hervor, wie sehr mir dieses Buch gefallen hat. Für mich persönlich stimmt hier einfach alles – trifft es doch voll meinen eigenen Geschmack. Da ich allerdings wirklich denke, dass das Buch hier und dort etwas kompliziert und schwierig sein mag, wenn man sich mit griechischer Geschichte und Mythologie nicht so super auskennt und deshalb den Humor dahinter vielleicht auch nicht immer versteht und ich außerdem der Altersempfehlung nicht ganz zustimme, ziehe ich dem Buch einen Stern dafür ab und vergebe 4 Lila-Lesesterne.


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