Mittwoch, 25. September 2013

Rezension: "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" (Ali Shaw)






Titel: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen
Reihe: nein
Verlag: script 5
Hardcoverausgabe mit 398 Seiten
ISBN 978-3-8390-0131-8
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: keine Angaben
Preis: 19,95 Euro







Klappentext:

Die Begegnung mit ihm war wie eine Kollision gewesen und sie hatte gewusst, dass sie ihr Leben lang genau danach gesucht hatte: mit solcher Wucht mit einem anderen Menschen zusammenzuprallen, dass sie für einen Moment mit ihm verschmolz.

Eine karge, zauberhafte Inselgruppe voller wundersamer Bewohner - hierher kommt Ida zurück, um Antworten zu finden. Denn eine mysteriöse Veränderung geht mit ihr vor: Sie verwandelt sich zu Glas. Doch was Ida stattdessen findet, hier auf St. Hauda's Land, ist die große Liebe. 


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Story und Charaktere:

Als Ida nach St. Hauda's Land kommt, um den verschrobenen alten Henry Fuwa aufzusuchen, der eine Herde winziger geflügelter Stiere und Kühe im Moor verbirgt und in aller Abgeschiedenheit lebt, bringt sie das Inselleben ganz schön durcheinander. Durch Zufall lernt sie den Fotografen Midas kennen, der sehr schüchtern und distanziert ist, in Ida aber einen Menschen findet, der ihn aus seinem bisherigen Sein herausholt.
Ohne es zu wollen, rührt Ida in den Lebensgeschichten der Inselbewohner, die sie während ihres Aufenthaltes kennen lernt, bringt Erinnerungen ans Licht, die längst in den Hinterköpfen vergraben waren und sorgt dafür, dass der ein oder andere zu sich selbst findet.
Dabei hat sie die ganze Zeit über ein viel größeres Problem, als sich erahnen lässt. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wird ihr Körper langsam zu Glas. Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit, herauszufinden, wie sie es stoppen kann. Ob Henry, Midas oder einer der anderen Inselbewohner ihr helfen kann?

Über die Geschichte dieses Buches zu schreiben, ist nicht gerade einfach. Es ist nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, die auf gläsernen Füßen durch die Welt laufen muss, sondern eine Sammlung mehrerer Geschichten, die sich rund um das Leben der verschiedenen Inselbewohner dreht.
Das Ganze wirkt wie ein großes Spinnennetz, dessen zentraler Punkt Ida ist. Man lernt schnell, dass alles zusammenhängt, der eine Bewohner die Lebensgeschichte des anderen in irgendeiner Art und Weise beeinflusst hat. Dabei sind die auftauchenden Charaktere alle sehr melancholisch, ruhig und in sich gekehrt.
Midas beispielsweise denkt immer wieder an die alten Geschichten aus seiner Kindheit zurück, bevor sein Vater Selbstmord begangen hat. Henry Fuwa denkt an seine alte Liebe, die jetzt einsam und alleine in einem Haus auf derselben Insel sitzt wie er, aber weder etwas von ihm hört, noch sieht. Carl muss immerzu an Idas Mutter denken, wenn er sie ansieht, die vor einiger Zeit an einer schweren Krankheit gestorben ist. Eigentlich geht es in diesen Erinnerungen immer um Menschen, die jemand vor kurzer oder langer Zeit verloren hat. „Verlust“ ist ein großes Thema zwischen den Zeilen dieses Buches.

Ida und Midas sind zwischen all den Charakteren die Hauptprotagonisten. Sie verkörpern die Pole zweier Magneten, die sich unweigerlich anziehen. Während Midas es meist vermeidet viele Wörter in den Mund zu nehmen, in Gesellschaft zu sein oder irgendeine Art von Emotionen durchblicken zu lassen, macht Ida eben diese Eigenschaften durch ihren Charakter wieder wett. Sie ist sehr direkt, aufgeschlossen und gerne von Menschen umgeben. Wenn man hinter die Lebensgeschichten der beiden blickt, versteht man schon sehr bald, wie es sein kann, dass sich zwei Menschen zu so unterschiedlichen Personen entwickelt haben. Für Midas Art und Weise kommt geradezu Verständnis auf und zwischenzeitlich tut er einem beim Lesen leid. Ida hingegen bemitleidet man eher weniger, obwohl sie das Glasproblem hat. Sie hat ihr Leben immer in vollen Zügen genossen und tut dies auch jetzt noch, wo sie nur kann. Diese Lebensfreude ist es wohl auch, die Midas, ob er will oder nicht, am Ende anzieht.

Was mir besonders gefallen hat: 

Der anspruchsvolle Schreibstil dieses Buches, der geradezu malerisch ist, hat mich sehr schnell in seinen Bann gezogen. Obwohl die Geschichte eine Weile braucht um in Fahrt zu kommen, war ich doch ab der ersten Seite von der Art und Weise zu Schreiben begeistert und gefangen. Was man definitiv nicht tun sollte ist, zu versuchen, dieses Buch „nebenbei“ zu lesen. Es ist so voller Metaphern und „Zwischenzeilern“, dass man sich schon sehr auf das Lesen konzentrieren muss. Wenn man sich jedoch auf die Geschichte einlässt, die die Grenzen zwischen Phantastik und Realität sehr anmutig verschwimmen lässt, wird man von einem Strom getragen, der den Leser noch lange nach Zuklappen des Buches festhält.
Es ist wirklich faszinierend, wie unbeschönt die einzelnen Geschichten erzählt, wie ehrlich der Schmerz und die Traurigkeit, die einzelnen Gedankengänge, Hoffnungen und Verluste beschrieben werden. Die Liebesgeschichte zwischen Midas und Ida ist so sanft und einfühlsam erzählt, so real und einzigartig, dass man sich von ihrem Zauber festhalten lassen muss.
Dieses Buch bietet keine vorhersehbare Geschichte, es bietet auch keine Lösung für ein Problem und präsentiert nicht alles auf einem Silbertablett – dafür ist es tiefgründig und sanft, ruhig und fernab von dem, was ich bisher im Fantasy-Genre gelesen habe. Wer hinter dem Klappentext eine Schnulze erwartet, Kitsch, wie wir ihn aus anderen Romanen kennen oder gar ein rasantes Abenteuer, sollte dieses Buch in der Buchhandlung lassen – wer sich jedoch auf ein einfühlsames, überaus gefühlvolles Buch einlassen möchte, sollte auf keinen Fall verpassen, Idas Geschichte zu lesen.

Was mir nicht so gut gefallen hat: 

Da hier zwischen mehreren Perspektiven gewechselt wird, um die einzelnen Geschichten zu erzählen, bleibt die Geschichte um Ida selbst ein wenig blass. Sie ist zwar der Angelpunkt der ganzen Sache, nimmt aber nicht wesentlich mehr Raum ein, als alle anderen Charaktere. An einigen Stellen hätte ich mir gewünscht, noch mehr über Ida zu erfahren, über ihr Leben früher und jetzt und über das Glas, dessen Voranschreiten immer überraschend realistisch dargestellt wird. Dass diese Perspektivwechsel sein müssen, wird beim Lesen schnell klar, ich hätte jedoch nichts dagegen gehabt, wenn das Buch 100 Seiten mehr gehabt und somit mehr Ida präsentiert hätte.  Die positiven Punkte wiegen allerdings sehr viel schwerer, als dieser kleine Tropfen auf dem heißen Stein. "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" ist und bleibt ein wundervolles Buch.

Gestaltung:

Ein weißer Umschlag mit hellblauem Bild, auf dem Schneeflocken auf Äste und Pflanzen fallen, umrahmt ein Buch, dessen Ecken der Seiten silbrig glänzen und das schon deshalb ein Blickfang ist. Meiner Meinung nach überträgt das Cover schon von Anfang an die Zartheit und Kühle der Geschichte, die sich zwischen den Buchdeckeln befindet. Im Inneren finden wir am Kapitelanfang immer wieder das Motiv gräulicher Blumen, die wunderbar zur Geschichte passen. Eine rundum gelungene Gestaltung, die einfach ins Auge fallen muss.

Wertung: 

An dieses Buch werde ich mich mit Sicherheit noch eine Weile erinnern. Lange wollte ich es lesen, lange hat es gedauert, bis es in meinem Besitz war. Ich muss sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Für mich ist dieses Buch ein Lesehighlight und ich empfehle es allen, die einen anspruchsvollen Mix aus Fantasy und Realität suchen und die sich entführen lassen wollen, in eine fast märchenhaft anmutende Winterwelt, draußen auf St. Hauda's, wo nicht alles ist, wie es zu sein scheint. Für mich ganz klare 5 Lila-Lesesterne.


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