Donnerstag, 23. Januar 2014

Rezension: "Der Mann der den Regen träumt" (Ali Shaw)





Titel: Der Mann der den Regen träumt
Reihe: nein
Verlag: script 5
Hardcoverausgabe mit 333 Seiten
ISBN 978-3-8390-0146-2
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: keine Angaben
Preis: 18,95 Euro







Klappentext:

Wie Kreide, vom Regen zu einem weißen Schleier verwaschen, begannen seine Umrisse zu verschwimmen und seine Konturen schwanden beinahe unmerklich. Im einen Moment sah Elsa einen Mann vor sich und im nächsten nur noch eine graue Silhouette. Seine Haut wurde zu Nebel. Die Sonne hinter ihm ließ ihn erstrahlen und umrahmte ihn mit ihrem goldenen Schein, bis er nichts mehr von einem Mann an sich hatte, sondern immer mehr einer Wolke glich, die durch Zufall die Form eines Menschen angenommen hatte.

Der neue Roman von Ali Shaw steckt voller Emotionen, Magie und fantastische Ideen. Eine moderne Fabel über die Liebe.

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Story und Charaktere:

Elsa hat ihr Leben satt. Nachdem ihr Freund Peter ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, obwohl sie sich darauf geeinigt hatten, dass Liebe nur eine chemische Reaktion zwischen zwei Menschen sei, läuft in Elsas Leben das Fass über.
Sie packt ihre Sachen in New York und begibt sich in ein kleines Örtchen namens Thunderstown, das mitten in den Bergen liegt. Da Stürme und vor allem Tornados eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen, ist dieses Städtchen genau der richtige Platz für sie. Schon bald lernt sie einige der Anwohner näher kennen, möchte aber nicht zu viel mit ihnen zu tun haben. Zu stark ist die Gegend mit seltsamen Aberglauben behaftet, die seltsame Konsequenzen haben. Elsa zieht es deshalb in die Berge, wo sie eine unglaubliche Entdeckung macht: Ein Mann löst sich vor ihren Augen in eine Wolke auf...

Elsa kommt von der Stadt in ein winziges Örtchen, in dem jeder jeden kennt. Dabei lässt sie ihr altes Leben völlig hinter sich, denn das hat sie in letzter Zeit ihrer Lebenskraft beraubt. In Thunderstown zieht sie in das Haus von Kenneth, einem freundlichen älteren Mann, dem das Schicksal schwer mitgespielt hat. Schnell lebt Elsa sich ein und findet sogar einen neuen Job. Mit der Einstellung, die einige Menschen zu diversen Dingen jedoch haben, kann sie sich allerdings nicht anfreunden. Unter anderem mit dem Aberglauben, dass die Hunde, die aus den Bergen in die Stadt kommen, den Teufel in sich tragen und deshalb getötet werden müssen.Mit dem Mann der diese Tiere tötet ist Elsa deshalb von Anfang an auf Kriegsfuß.
Als Elsa Finn, den Mann der das Wetter in sich trägt, kennenlernt, ändert sich vieles in ihrem Leben. Allem voran der Glaube an die Liebe. Sie knüpft langsam eine sehr zarte Bande zu einem Mann, der eigentlich gar nicht sein kann. Finn erwidert diese Zuneigung, obwohl er anfangs nur eines will: Dass Elsa ihn nie, nie wieder besucht. Die Beziehung zwischen den beiden spielt auch für einige andere Charaktere eine wichtige Rolle, die wir im Laufe des Buches begleiten dürfen.

Die Charaktere einzeln zu nehmen und über sie zu sprechen ist sehr schwer, da das Netz der Geschichte so eng um sie alle gewickelt ist, dass keiner ohne den anderen funktioniert. Jeder Charakter streift das Leben eines anderen Charakters und beeinflusst es dadurch. Diese Art der Darstellung von Charakteren kenne ich bisher nur aus der Feder von Ali Shaw, der mich schon mit „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ begeistern konnte. Was mir hier allerdings fehlt ist die Tiefe der Charaktere. Obwohl es einen Mann gibt, der aus Wetter gemacht ist, einen liebeskummergeplagten Herren, der eine schwere Schuld auf sich geladen hat, eine Frau, die ihr Leben neu leben will und der Intoleranz einer ganzen Stadt gegenübertritt, habe ich dieses Mal keinerlei eigenen Bezug zu den Charakteren aufbauen können. Dafür waren die Charaktere leider zu eindimensional. Auch die Geschichte konnte mich nicht so packen, wie ich es mir gewünscht hätte.

Was mir besonders gefallen hat: 

Dinge zu umschreiben und den Leser in eine sehr atmosphärische Welt zu versetzen fiel Ali Shaw schon in seinem Vorgängerbuch sehr leicht. Obwohl der Schreibstil in seinem neuen Buch sehr viel einfacher und damit leichter verständlich ist, schafft er es doch, dass sich langsam eine kleine Stadt vor dem inneren Auge aufbaut, in der man bald meint jeden Pflasterstein zu kennen. In diesem Buch muss man nicht mehr zwischen den Zeilen nach den großen Dingen suchen, die er mitteilen möchte, nein, dieses Mal tut er es einfach. Für viele Leser, die eventuell Schwierigkeiten mit dem Vorgängerbuch hatten, wird das vorliegende Buch dadurch sicherlich viel einfacher zu lesen sein.

Die Geschichte die sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt ist wieder sehr gewaltig. Verschiedene Personen werden sowohl in der Gegenwart, wie, durch eingeblendete Erinnerungen, auch in der Vergangenheit miteinander verknüpft, sodass ein vielschichtiges Bild entsteht, das sich wie ein Mosaik langsam zusammensetzt.
Besondere Tiefe erhält das Buch durch die starken Gegensätze und eine besondere Metaphorik, die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist und dazu führt, dass man trotz allem Gesagten auch nach dem Lesen noch über das Buch nachdenkt.
Dem Sturm am Himmel und in den Herzen der Menschen aus der „Donnerstadt“, stehen beispielsweise die filigranen, wunderschönen, leichten aber auch „zerbrechlichen“ Papiervögel entgegen, die in den starken Händen des Wettermannes entstanden sind. Was der Sturm in den Menschen bedeutet, wie man das Wetter zu verstehen hat und wie nahe man dies an sich ran lässt, ist jedem Leser selbst überlassen.

Der Spannungsbogen ist sehr interessant angelegt. Möchte man ihn auf die Thematik übertragen, könnte man meinen, dass das Buch mit einem leisen Plätschern beginnt, das langsam aber sicher in einen gigantischen Sturm ausartet. Die Stille danach ist zum Schneiden dick, sodass der eigene Atem unnatürlich laut klingt. Dies alles geschieht allerdings auf einer Ebene, die ich von keinem anderen Schriftsteller kenne. Hier scheinen alle wichtigen Elemente sehr durchdacht zu sein, um eben dieses Bild entstehen zu lassen.

Die zwischen den Zeilen verborgenen und offen ausgelebten Themen, die Ali Shaw in seinem Buch anspricht, sind sehr aktuell. Intoleranz und die Konfrontation mit Dingen, die man nicht versteht oder die völlig neu sind, stehen hier an oberster Stelle. Dem ein oder anderen wird hier ein Spiegel vorgehalten, dessen Bild verstörend sein kann.

Was mir nicht so gut gefallen hat:

Die angewendete Gewalt gegenüber Hunden und Ziegen fand ich erschreckend und unpassend. In Andeutungen hätte ich es vielleicht verstanden, in dieser Art jedoch nicht.

Etwas, was ich ebenfalls nicht verstanden habe ist die Wahl des Titels. Er klingt wunderschön, doch ist er meiner Meinung nach nicht passend zum Inhalt. Klappentext und Titel suggerieren etwas völlig anderes, als den Leser im Inneren erwartet.

Gestaltung:

Ich finde es seltsam, dass hier quasi ein fast identisches Cover wie beim Mädchen mit den gläsernen Füßen gewählt wurde. Die Silhouetten verschiedener Pflanzen und eines Baumes, sowie ein schwarzer Vogel, wurden als Hauptmotiv auf weiß-lilanem Grund gewählt. Da „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ und „Der Mann der den Regen träumt“ nichts miteinander zu tun haben, kann ich diese Wahl nicht nachvollziehen. Ich finde sie auch sehr unpassend, stehen doch Stürme und Berge im Vordergrund des Buches, die eher auf das Cover gepasst hätten.
Absprechen möchte ich dem Cover nicht, dass es wunderschön anzusehen ist. Schon allein wegen genau dieser Wahl wollte ich das Buch unbedingt haben. Nach dem Lesen jedoch bin ich vom Cover nicht mehr überzeugt.

Wertung: 

Der unglaubliche Schreibstil von Ali Shaw schafft es, den Leser selbst dann in seinen Bann zu ziehen, wenn einem Geschichte und Charaktere nicht hunderprozentig gefallen. Aufbau der Geschichte, der kreierte Spannungsbogen und auch der Sprachstil sind sehr überzeugend. Cover und Story, sowie der Titel, vor allem aber die Charaktere leider nicht. Deshalb vergebe ich an den Mann, der das Wetter in sich trägt 3 Lila-Lesesterne.


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