Montag, 22. September 2014

Rezension: "Ein Buchladen zum Verlieben" (Katarina Bivald)







Titel: Eine Buchhandlung  zum Verlieben
Reihe: nein
Verlag: btb
Hardcoverausgabe mit 446 Seiten
ISBN 978-3-442-75456-4
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: keine Angaben
Preis:  19,99 Euro







Klappentext:

Es beginnt mit einer ungewöhnlichen Brieffreundschaft. Die 65-jährige Amy aus Iowa und die 28-jährige Sara aus Schweden verbindet eines: Sie lieben Bücher – mehr noch als Menschen. Begeistert beschließt die arbeitslose Sara, ihre Seelenverwandte zu besuchen. Als sie jedoch in Broken Wheel ankommt, ist Amy tot. Und Sara plötzlich mutterseelenallein. Mitten in der Einöde. Irgendwo in Iowa. Doch Sara lässt sich nicht unterkriegen und eröffnet mit Amys Büchersammlung einen Laden. Und sie erfindet neue Kategorien, um den verschlafenen Ort für Bücher zu begeistern: »Die verlässlichsten Autoren«, »Keine unnötigen Wörter«, »Für Freitagabende«, »Gemütliche Sonntage im Bett«. Ihre Empfehlungen sind so skurril und liebenswert wie die Einwohner selbst. Und allmählich beginnen die Menschen aus Broken Wheel tatsächlich zu lesen – während Sara erkennt, dass es noch etwas anderes im Leben gibt außer Büchern. Zum Beispiel einen ziemlich leibhaftigen Mr. Darcy …


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Story und Charaktere:

Sara und Amy verbindet eine Freundschaft über Altersgrenzen und Kontinente hinweg. Zwischen Schweden und den USA fliegen Briefe mit beigelegten Büchern hin und her, denn beide Frauen verbindet ihre ganz besondere Leidenschaft zum geschriebenen Wort und zu all den Welten, die damit erschaffen werden können.
Irgendwann ist den beiden Brieffreundinnen das Briefeschreiben nicht mehr genug und sie beschließen, sich bei Amy in Broken Wheel, Iowa zu treffen, um gemeinsam ein wenig Zeit zu verbringen, ihrem Hobby nachzugehen und ganz viel über die Inhalte ihrer Lieblingsbücher zu quatschen. Dieses Treffen läuft allerdings anders als geplant, denn bei Saras Ankunft ist Amy verstorben. Da Saras Rückflug erst drei Monate später stattfinden soll, weiß sie nicht genau, was sie jetzt tun soll. Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken kann, nehmen sich die Menschen aus Broken Wheel ihrer an. Amys Haus wird Saras neue Unterkunft, wo sie für die Dauer ihres Aufenhaltes mietfrei wohnen soll. Alle behandeln sie wie einen Gast und sind sehr zuvorkommend, sodass sich bei Sara schon bald ein schlechtes Gewissen breit macht. Sie beschließt, der Stadt etwas zurückzugeben. So entsteht in der kleinen Stadt, mit mehr geschlossenen als offenen Läden, schon bald ein kleiner Buchladen, den Sara mit Amys und ihren 16 eigenen mitgebrachten Büchern füllt. Zwar hat die Leidenschaft für's Lesen noch nicht auf die Menschen übergegriffen, doch
plötzlich zeigt die kleine sterbende Stadt, wie viel Leben ihr steckt.

Sara kommt aus Schweden, hat dort gerade ihren Job in einer Buchhandlung verloren und will die willkommene Abwechslung ihres Besuches in Iowa dazu nutzen, wieder zu sich selbst zu finden, um danach neu anfangen zu können. Das geht natürlich am besten, wenn man sich die Zeit bis dahin mit jemandem vertreibt, der die gleiche Leidenschaft zur selben Sache wie man selbst teilt.  Doch plötzlich steht sie vor einem Problem: in Iowa erwartet sie eine tote Amy. Zunächst mit der Situation überfordert, wird die junge Frau von den ortsansässigen Broken Wheelern an die Hand genommen. Dabei trifft Sara auf alle Menschen, die sie bereits aus Amys Briefen kennt. Innerhalb kürzester Zeit findet sie heraus, welchen Stellenwert Amy in der Stadt eingenommen und welche Lücke sie hinterlassen hat. Da alle Einwohner versuchen, ihr ein gutes Gefühl zu geben und sie wie einen rundum versorgen Gast behandeln, bekommt Sara jedoch bald ein schlechtes Gewissen und beschließt, nicht nur etwas von der Stadt anzunehmen, sondern ihr auch etwas zurückzugeben.
Alle ihre Versuche, den Bewohnern bei diversen Dingen ihre Hilfe anzubieten, schlagen allerdings fehl. So entwickelt sie schließlich einen ganz besonderen, verrückten Plan – sie will in Amys Namen einen Buchladen mit Amys Büchern eröffnen, obwohl Broken Wheel zu den sterbenden Städten zählt und dort niemand liest.
Zu Beginn des Buches erscheint Sara dem Leser noch sehr naiv. Sie scheint die Dinge, die ihr in den Kopf kommen, ohne große Grübelei einfach in die Tat umzusetzen. Dabei geht sie immer von dem aus, was sie selbst fühlt, ohne ihre Umgebung mit einzubeziehen. Und selbst, wenn sie es tut, scheint dies keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen zu haben. Sara vertraut dabei einfach auf ihr Bauchgefühl und wirkt dadurch sehr spontan.
Gegenüber ihren Mitmenschen ist sie sehr offen, was sie zu einem außerordentlich kontaktfreudigen Menschen macht. Sie ist sehr herzlich und engagiert, wird aber von außen oft als Sonderling wahrgenommen. Schuld daran ist ihre Liebe zum Buch. Wann immer man Sara antrifft – ihre Nase scheint immer zwischen zwei Buchdeckeln zu stecken. Gerade in Broken Wheel, wo eigentlich niemand liest, macht das einen seltsamen Eindruck und sorgt für Gesprächsstoff.
Diesen Eindruck versucht Sara mit ihrem neuen Buchladen zu revidieren, indem sie zu eher unkonventionellen Mitteln greift, die dafür sorgen, dass die Broken Wheeler nicht nur plötzlich selbst lesen, sondern sogar andere Städte dazu bringen, einen Ausflug ins sterbende Broken Wheel zu machen.
Warmherzig, gewitzt, spontan, unheimlich blauäugig und naiv, bringt Sara eine Stadt dazu, wieder tief einzuatmen und ihr Leben einzuhauchen. Ein so sympathischer Charakter wie Sara ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Sie lässt sich durch nichts unterkriegen, versprüht jede Menge Lebensfreude und ist durch ihre manchmal unbeholfene, naive Art sehr authentisch.

Obwohl Amy im Buch nicht als handelnde Person auftritt, lernt der Leser sie und ihre Stadt mit all den Leuten die darin wohnen, sehr gut kennen. Immer wieder werden Briefe von ihr zwischen die Kapitel geschoben, die dafür Sorgen, dass Amy einen mindestens genauso großen Platz wie Sara in dieser Geschichte einnimmt. Sie hilft uns dabei, Broken Wheel durch ihre Augen zu sehen. Gerne hätte ich auch eine solche Brieffreundin.

Über die Bewohner von Broken Wheel möchte ich nichts verraten. Ich habe sie alle in mein Herz geschlossen. Diese Stadt muss man einfach selbst erlebt haben.

Obwohl die Geschichte so einfach und alltäglich anmutet und man sich vielleicht fragt, wie man über so viele Seiten am Ball bleiben soll, ist sie eben doch alles andere als einfach und alltäglich. Diese Geschichte ist so besonders, wie die Stadt in der sie spielt. Story und Charaktere haben mich mehr als überzeugt.

Was mir besonders gefallen hat:

Neben der Geschichte an sich und all den darin vorkommenden Charakteren, hat mir vor allem der Schreibstil sehr gut gefallen. Er ist locker und anmutend, flüssig und geradezu zart. Die Autorin scheint Bücher genauso zu lieben wie Sara, hat sie doch gekonnt gezeigt, wie man ein Buch über Bücher schreibt.

Angepasst an den tollen Schreibstil, ist der Sprachstil des Buches. Gekonnt werden hier verschiedene Ebenen eingesetzt, um Broken Wheel und seinen Bewohnern das passende Beiwerk zu liefern. Gerade beiden diversen Beschreibungen sitzt jedes Adjektiv am passenden Platz. Dem Leser wird die ganze Zeit ein fantastisches Kopfkino geboten, das mit seichter Spannung, einer Prise Humor und explosiver Emotionen dafür sorgt, dass man dieses Buch nicht aus der Hand legen kann.
Auch Amys Briefe müssen an dieser Stelle noch einmal Erwähnung finden, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen. Am Anfang erscheinen sie noch relativ häufig, nachher werden es weniger. Es scheint, als hätte Broken Wheel eine würdige Nachfolgerin für Amy gefunden, als hätte Amy sich langsam auf leisen Sohlen davon gemacht.

Die Liebe zum Buch, die ich selbst so gut kenne und die Sara und mich vielleicht zu guten Freundinnen machen würde, findet in dieser Geschichte einen großen Platz. Immer wieder werden Buchtitel genannt, oder man spricht sogar über eben diese, sodass man nach dem Lesen das Bedürfnis hat, sich ebenfalls alle genannten Titel zuzulegen zu wollen, die man noch nicht kennt. Bücher sind eben doch ein zentraler gesellschaftlicher Punkt, ob man will oder nicht.

Insgesamt ist dieses Buch zwar von Büchern als wichtige Stützpfeiler getragen, doch das was sie halten sollen, ist noch viel größer. Zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften, Vertrauen, Zusammenhalt – das Leben selbst – all das spielt eine noch viel größere, wunderbare Rolle.

Gestaltung: 

Ein rotes Band, auf dem eine kleine Stadt, einige Bücher und zwei Frauen abgebildet wurden, ziert das Cover dieses Buches. Ich fand es schon beim ersten Anschauen sehr schön, nach dem Lesen kann ich sagen: Es passt wie die Faust aufs Auge. Besonders die Verbindung durch „den roten Faden“ finde ich sehr gelungen.

Wertung:

Schon nach der Leseprobe wusste ich: Dieses Buch muss ich haben. Bis zur letzten Seite habe ich mitgefühlt, den Atem angehalten und die Augenbrauen hochgezogen oder skeptisch zusammengekniffen. Dieses Buch ist kein kitschiger, abgegriffener Roman, der sich nur um Bücher dreht – es ist eine Geschichte, die aus dem Leben gegriffen sein könnte, die mit authentischen Charakteren aufwartet und die zeigt, wie viel ein Einzelner im Alltagstrott bewegen kann. Ich habe mich in Broken Wheel verliebt und vergebe deshalb ganz klare 5 Lila-Lesesterne und eine Leseempfehlung.


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