Montag, 27. Oktober 2014

Rezension: "Die Seiten der Welt" (Kai Meyer)







Titel: Die Seiten der Welt
Reihe: nein
Verlag: FJB
Hardcoverausgabe mit 556 Seiten
ISBN: 978-3-8414-2165-4
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: keine Angaben
Preis:  19,99 Euro








Klappentext:

Jedes Buch hat geheime Seiten

"Während sie die Stufen zur Bibliothek hinablief, konnte Furia die Geschichten schon riechen: den besten Geruch der Welt."

Furia Salamandra Faerfax lebt in einer Welt der Bücher. Der Landsitz ihrer Ahnen birgt eine unendliche Bibliothek. In ihren Tiefen ist Furia auf der Suche nach einem ganz besonderen Buch: ihrem Seelenbuch. Mit ihm will sie die Magie der Worte entfesseln. Noch weiß sie nicht, in welch tödlicher Gefahr sie schwebt. Denn Furias Familie wird von mächtigen Feinden bedroht - und die trachten auch ihr nach dem Leben. Der Kampf gegen die Herrscher der Bibliomantik und die Entschreibung der Bücher beginnt...

Ein magischer Roman voller phantastischer Abenteuer.

"Kai Meyer ist eines der großen deutschen Erzähltalente." Der Spiegel

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Story und Charaktere:

Furia Salamandra Faerfax lebt zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder, sowie einigen Angestellten sehr abgeschieden in den Cotswolds. Grund dafür sind ihre Herkunft und ihre damit verbundenen Talente. Ihr Vater und Furia sind Bibliomanten, die mit Hilfe ihrer Seelenbücher Magie bewirken können, die mächtiger ist, als man vermuten würde. Furia wartet noch darauf, dass ihr Seelenbuch zu ihr findet, bis dahin begleitet sie ihren Vater auf seinen Sprüngen, um die sogenannten „Leeren Bücher“ aufzuspüren und zu vernichten. Auf einem dieser Sprünge geht allerdings etwas furchtbar schief. Furias Vater wird getötet und plötzlich ist sie auf der Flucht. Jetzt ist nicht mehr nur die Adamitische Akademie hinter ihr und ihrer Familie her, sondern auch ein ganz besonderer Feind, der es auf ein ganz besonderes Buch in Furias Besitz abgesehen hat.
Als sie von ihrem Bruder getrennt wird und auf der Suche nach Hilfe in Libropolis landet, zeigt sich erst das ganze Ausmaß der Schwierigkeiten, in denen sie steckt. Wie gut, dass sie bald Freunde findet, die ihr, wenn auch nicht ganz freiwillig, zur Seite stehen.

Furia Salamandra Faerfax hält vor allem an einem fest: einem ganz besonderen Buch, das sie mit ihrer Mutter in Verbindung bringt, die schon vor einiger Zeit gestorben ist. Da ihr Vater nach dem Tod ihrer Mutter alle Erinnerungen an sie verbrannt hat, hütet sie dieses eine Buch wie ihren Augapfel. Tief in den Katakomben des Hauses versteckt sie es zwischen abertausenden anderen Büchern, damit ihr Vater es nicht finden kann. Dort unten verbirgt sich aber weitaus mehr als nur ein Haufen Bücher. Dort wohnen die Origamis, die den Staub von all den Büchern fressen und Ypsilonzett – ein Buchstabenschwarm, der mit Furia kommuniziert. Leider leben dort unten aber auch Schimmelrochen, die ganz und gar bösartig sind. Trotzdem liebt Furia diesen verborgenen Ort und all die Magie, die sich zwischen den Buchdeckeln dort verbirgt.
Gut behütet wächst sie mit ihrem Bruder in diesem riesigen Haus in den Cotswolds auf, versteckt und fernab der trügerischen Welt dort draußen. Alles was sie über Bibliomantik, Seelenbücher, Libropolis und die Gefahr, die von der Adamitischen Akademie ausgeht, weiß, weiß sie von ihrem Vater. Er ist ein sehr starker Bibliomant mit eigenem Seelenbuch, der Furia mit auf seine Sprünge nimmt, um die „Leeren Bücher“ zu vernichten, die die Entschreibung einleiten und die Welt in ihren Ursprung zurückversetzen sollen. Eine Aufgabe, der sich Furia schon bald alleine stellen soll. Als sie ihren Vater auf einem dieser Sprünge verliert, bricht für sie eine Welt zusammen. Die neue Welt, in der sie sich zurechtfinden muss, hat nichts mehr gemein mit dem gemütlichen Zuhause, wo eine Bibliothek, ein sprechender Sessel und eine sehr nette Tischlampe auf sie warten. Plötzlich ist sie auf der Flucht und muss dafür sorgen, nicht selbst umgebracht zu werden. Zu allem Überfluss befindet sich auch noch ihr Bruder in den Händen der Feinde, die sie irgendwie überlisten muss.
Furia ist ein sehr wechselhafter Charakter. Sie zeigt ein sehr großes Repertoire an Gefühlsregungen und ist auch sonst kein glattgeschliffener Protagonist, der nur auf eine Art handelt. Manchmal handelt sie wie eine Erwachsene, manchmal wie ein Kind. Mal ist sie total abgebrüht, mal sehr verletzlich. Sie versucht, über alles den Überblick zu behalten, scheitert aber oft am nötigen Wissen, das ihr von anderen zugetragen werden muss. Ihre Handlungen sind nicht immer überlegt, meistens handelt sie eher impulsiv. Ihren Problemen stellt sie sich jedoch mutig entgegen, auch wenn sie nicht weiß, wohin sie das am Ende führen wird.

Pip ist Furias kleiner Bruder. Seine größte Angst ist die vor Clowns. Seit er im Zirkus von einigen dieser finsteren Gesellen des Spaßes halber in eine Kiste gesperrt wurde, kommt er über diese Angst nicht mehr hinweg. Er versucht deshalb, nicht aufzufallen und sich selbst als Clown darzustellen, um hinter seiner Maske nicht als kleiner Junge Aufmerksamkeit unter all den Clowns dieser Welt zu erregen. Furia ist die einzige Person, die Pips Angst zumindest zwischenzeitlich ernst zu nehmen scheint. Pips Vater hingegen, kümmert sein Sohn relativ wenig. Sein Sohn wird niemals ein Bibliomant sein, sodass sich seine Aufmerksamkeit vor allem auf seine Tochter erstreckt.
Als Pip merkt, dass etwas in seinem Umfeld nicht stimmt, ergreift er auf eigene Faust die Flucht. Er kennt die besten Verstecke im Haus und sucht eben diese auf. Obwohl Furia ihn nicht vor den Feinden retten kann und er in Panik gerät, muss man ihm seinen Mut hoch anrechnen. In den Fängen der Feinde versucht er sogar zu fliehen. Fast trotzig stellt er sich seinen Widersachern entgegen – Kindlicher Naivität sei Dank – bis Furia ihn retten kommen wird, worauf er ganz schön lange warten muss.

Cat und Finnian lernt Furia in Libropolis kennen. Cat lebt im Ghetto, wo die Exlibra (aus Büchern herausgefallene Charaktere) untergebracht werden, und erledigt dort schmutzige Arbeiten für schmutzige Arbeitgeber. Sie fängt beispielsweise Schnabelbücher wieder ein. Dabei ist es ihr völlig egal, ob ihr jemand in die Quere kommt. Zur Not, bringt sie diejenigen eben einfach um. Trotz dieser harten Seite, verbirgt sich in ihr ein weicher Kern, der vor allem dann  zum Vorschein kommt, wenn Finnian auf der Bildfläche auftaucht. Finnian lebt in einem verborgenen Wald. Dort pflanzt er Bücherbäume, die aus Seelenbüchern und den Resten von Schnabelbücherkämpfen bestehen. Ein Job, der ebenfalls nicht gerade ruhmreich ist. Ebenso wie Cat, kann Finnian eiskalt handeln, wenn es die Situation erfordert. Er scheint einen ziemlich guten Überblick über alles zu haben, im richtigen Moment an den falschen Orten aufzutauchen und generell gerne für Unruhe zu sorgen. Cat und Finnian sind die beiden Charaktere, die Furia durch ihr Abenteuer geleiten und alles abfangen, was sie an Unsinn anstellt.

Natürlich gibt es auf der anderen Seite noch die Gegenspieler zu diesen Charakteren. Die, die sie jagen, vernichten wollen und alles dafür tun würden. Seltsamerweise konnte ich eben diese Charaktere leider nicht ganz ernst nehmen. Dafür, dass sie eine so große tragende Rolle spielen sollten, waren sie doch zu stumpf und wenig präsent. Die Gefahr, die von ihnen ausgehen sollte, war zu keiner Zeit wirklich spürbar. Insgesamt fehlte mir bei den Charakteren der emotionale Punkt. Sie konnten mich einfach nicht packen, ich habe nicht mit ihnen gefühlt, nicht mit ihnen gelacht, geweint, gelitten oder einen erleichterten Seufzer ausgestoßen.

Ob man es glaubt oder nicht, mir haben vor allem die Nebencharaktere dieses Buches gefallen. Die, die wenig Platz erhalten, haben dennoch den größten Raum eingenommen und den größten Eindruck hinterlassen. Was die Geschichte betrifft, die konnte mich leider nicht wirklich überzeugen. Viele tolle Ideen, die Ausführung allerdings fehlte.

Was mir besonders gefallen hat:

Dieses Buch wartet mit einem wirklich tollen Schreibstil auf. Hier sitzt jedes Wort an seinem Platz. Auch sprachlich ist dieses Buch sehr gelungen, was den tollen Schreibstil natürlich unterstützt. Gerade die „Worterfindungen“, die trotzdem so viel Sinn machen, bleiben im Kopf und damit in Erinnerung. Viele tolle Ideen sind in dieses Buch geflossen, die einem sehr kreativen Kopf entsprungen sein müssen. Dies ist wieder eines dieser Bücher, bei denen man froh ist, eine Originalfassung in den Händen zu halten und keine Übersetzung lesen zu müssen, die in ihrem Sprachgebrauch sicher nie an das hier vorliegende Werk heranreichen würde. Dieser Autor versteht es, Sprache einzusetzen und ihr etwas Besonderes zu geben.

Der Ort, der mir am besten gefallen hat und bei dem ich das Gefühl hatte, dass man dort endlich an einer Stelle angekommen ist, in der wirklich alles durchdacht und auch ausgeschmückt wurde, ist der „Wald der toten Bücher“. Hier endlich konnte ich das Potential hinter all seinen Ideen sehen, mich eine Weile wohlfühlen, mich wirklich auf das Abenteuer einlassen. Ein Moment, der leider viel zu kurz war und den ich mir ausgedehnt auf die ganze Lesezeit gewünscht hätte.

Was mir nicht so gut gefallen hat:

Kai Meyer hat einen unglaublichen Reichtum an kreativen Ideen geliefert, die für sich genommen ein herausragendes Buch versprechen, wie es die Werbung getan hat. Leider jedoch scheiterte es für mich an der Umsetzung, sodass ich mit dem Buch nicht wirklich warm wurde oder mit den Charakteren mitfiebern konnte. Die einzelnen Ideen werden nur kurz angesprochen und nicht weiter ausgeführt. Manches ist eher eine Erwähnung am Rande, als eine Idee, die eine Rolle für das Buch spielt. Das ist zwar, gerade wenn es um Beschreibungen von Orten geht, gerade dann ganz passend und toll, doch wenn es bei einer Erwähnung bleibt, die weiter keine Rolle spielt, enttäuscht es mich, eine solche Idee nicht näher kennen gelernt zu haben. Ich hätte gerne mehr von den Origamis gehört oder auch vom Buchstabenschwarm Ypsilonzett. Überhaupt hätte ich gerne mehr Zeit in dieser endlosen Bibliothek verbracht, ihren Geruch selbst gerochen, meinen eigenen Atem hören wollen, wenn ich mit Furia durch die Gänge streife. Nichts davon war jedoch der Fall. Ein kurzer Augenblick, ein paar tolle Ideen – Ende der Idee, Ende des Aufenthaltes dort.
Noch mehr gestört hat mich jedoch, dass Ideen benannt und dann nicht übertragen wurden. Ob Furia nun durch Libropolis läuft und dort über die Dächer springt, oder das Ganze auf den Dächern einer x-beliebigen Stadt spielt – das war vollkommen egal. Libropolis als Stadt aus Buchhandlungen und Bücherantiquariaten kam überhaupt nicht bei mir an. Zwar wurde das alles erzählt, aber leider so gar nicht in die Geschichte integriert und aufgegriffen. Ob nun Exlibra im Ghetto leben oder x-beliebige Menschen, die man dort zusammengepfercht hat und die in Fabriken arbeiten – wieder eine Idee ohne Übertragung auf die Geschichte. Ob dort jetzt Gentlemen rumlaufen, die von Furia und Co. getötet werden oder ganz normale Männer – es hätte absolut keinen Unterschied gemacht. Diese und ähnliche Beispiele trugen dazu bei, dass ich das Buch mit immer mehr Widerwillen weitergelesen haben. Ich fand es schade, nicht in die Seiten der Welt tauchen zu können, mich mitnehmen zu lassen, auf ein Abenteuer rund um Bücher und alles was damit zu tun hat.
Die Idee mit dem Seelenbuch war ebenfalls sehr interessant und Furias Seelenbuch ist einfach einzigartig und bleibt auch im Gedächtnis, doch alles, was mit der Magie um dieses Seelenbuch zu tun hat, kam wieder nicht bei mir an. Sie wurde zu wenig erklärt, zu wenig mystifiziert, zu wenig an den Leser weitergereicht, der gerne mit ins Geheimnis um die Seelenbücher eingeweiht werden würde.
All die Geheimnisse und Vorkommnisse um die Bibliomanten, die Klüfte zwischen der Adamitischen Akademie und Furias Familie wurden leider immer als Einschübe in den Text eingearbeitet und unterbrechen deshalb ständig den Lesefluss, sodass man aus der Geschichte katapultiert wird.
Furias Problem, dass ihr Bruder in den Fängen des Feindes ist, spielte mir außerdem eine viel zu untergeordnete Rolle. Sie befasst sich mit gefühlt zwei Millionen anderen Dingen und nur mal zwischendurch kurz immer wieder damit, dass sie doch noch ihren Bruder retten muss. Das macht die ganze Sache recht unauthentisch. Insgesamt ist sie ein Charakter, mit dem man einfach nicht warm wird. Sie ist so unselbstständig und viel zu sehr auf andere angewiesen. Das ist ziemlich nervig und macht es schwierig, sich auf sie einzulassen.
Vom Ende möchte ich hier gar nicht erst anfangen zu sprechen. Es trug dazu bei, die Geschichte noch unrunder werden zu lassen. Alles wirkte viel zu hektisch und konstruiert, als hätte der Autor nicht so richtig gewusst, wie er die Fäden seiner Geschichte wieder zusammenführen sollte.
Insgesamt fand ich die Umsetzung der Ideen zu dieser Geschichte wirklich enttäuschend. Ich hatte die Hoffnung auf ein ähnliches Leseerlebnis wie mit „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walther Moers. Leider reicht dieses Buch nicht annähernd an diese Erwartungen heran. Ich hatte das Gefühl, dass die Idee eigentlich die eines Krimis war, der unbedingt einen magischen Mantel brauchte, der aber nicht passt – schade. Es war mein erstes Buch aus Kai Meyers Feder und ich bin mir nicht sicher, dass ich noch ein zweites lesen werde.

Gestaltung:

Die Gestaltung des Buches ist relativ einfach. Der Hintergrund ist schwarz, die Schrift goldfarben. Im Hintergrund sieht man ein wirres Muster, zwischen denen Origamivögel umherschwirren. Auch ein Globus ist zu sehen. Definitiv ist das Buch ein absoluter Hingucker, das Cover finde ich aber viel zu weit weg von dem, was sich letztlich zwischen den Seiten verbirgt.

Wertung:

Mit diesem Buch präsentiert sich ein Autor mit grandiosem Schreibstil und fantastischen Ideen, die von großartiger Kreativität zeugen. An der Umsetzung dieser Ideen scheiterte es jedoch für mich. Weder die Hauptcharakterin, noch die Geschichte konnten mich überzeugen. Ich blieb nach Beenden des Buches enttäuscht zurück. Deshalb gibt es von mir für „Die Seiten der Welt“ leider nur 2 Lila-Lesesterne.


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