Dienstag, 21. Oktober 2014

Rezension: "Silber - Das zweite Buch der Träume" (Kerstin Gier)






Titel: Silber - Das zweite Buch der Träume
Reihe: Band ´2 der Reihe "Silber"
Verlag: FJB
Hardcoverausgabe mit 416 Seiten
ISBN 978-3-8414-2167-8
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren
Preis: 19,99 Euro







Klappentext:

Der fulminante, spannende zweite Band der >Silber<-Trilogie von Bestsellerautorin Kerstin Gier

Und da hörte ich es, mitten in das plötzliche Schweigen hinein: ein vertrautes, unheilvolles Rascheln, nur ein paar Meter entfernt. Obwohl niemand zu sehen war und eine vernünftige Stimme in meinem Kopf sagte, dass das hier sowieso nur ein Traum sei, konnte ich nicht verhindern, dass Angst in mir hochkroch, genauso unheilvoll wie das Rascheln.

Ohne genau zu wissen, was ich tat und vor wem ich davonlief, fing ich wieder zu rennen an.

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Story und Charaktere:

Liv und Henry sind ein Paar – ein Paar, das aus Sicht von Liv so einige Probleme hat. Warum nimmt er sie nie mit zu sich nach Hause oder stellt ihm seine Familie vor? Und wie kommt Secrecy dazu, auf ihrem Blog über ihr Sexleben zu schreiben oder ihre Geheimnisse zu verraten? Als wäre das noch nicht genug, muss sie sich auch noch damit auseinandersetzen, dass ihre Schwester plötzlich schlafwandelt und sich damit selbst in Gefahr bringt. Zusätzlich muss Liv in ihren Träumen herausfinden, wer noch durch die Traumkorridore schleicht.

Liv hat sich langsam an ihre neue Umgebung und den neuen Mann an der Seite ihrer Mutter gewöhnt. Mit der Mutter des neuen Freundes kommt sie jedoch so überhaupt nicht klar. Da es Mia und ihrer Mutter genauso geht und das Fass einfach irgendwann voll ist, lässt sich Liv zu einer Tat hinreißen, die sie noch bereuen soll.
Wie schon im ersten Band, denkt Liv nicht wirklich viel nach. Manchmal muss man sich fragen, ob ihr diese Fähigkeit überhaupt irgendwann einmal zuteil geworden ist, denn eigentlich verbringt man als Leser die meiste Zeit damit, sich darüber zu ärgern, wie blöd Liv sich verhält. In ihrem Alter sollte sie in der Lage sein, ihren Kopf zu benutzen – etwas, wovon sie nicht allzu viel zu halten scheint. Lieber macht sie sich Gedanken darüber, warum Henry sich ihr gegenüber so komisch verhält. Für etwas Anderes hat in ihrem Kopf nichts mehr Platz. Kein Wunder also, dass sie nicht einmal wirklich reagiert, als ihre Schwester sich durch Schlafwandlerei fast selbst umbringt. Auch als klar wird, dass ihre Schwester das nicht einfach so tut, funktioniert das mit dem Denken immer noch nicht. Einen Gong vor der Traumtür ihrer Schwester aufstellen und sich die Füße mit einem Seil zusammenbinden – das muss die Lösung dafür sein, dass ihre Schwester von jemandem umgebracht werden soll. Da das ja in trockenen Tüchern ist, kann sie sich wieder ihrem Hauptproblem widmen: Henry und seinem Leben, an dem er sie scheinbar einfach nicht teilhaben lassen will. Verständnis ist demnach ein Wort, das in ihrem Wortschatz fehlt und keinerlei Bedeutung besitzt. Überhaupt muss man sich fragen, warum sie so an ihrer Beziehung zu Henry festhält, wenn doch die ganze Zeit über klar ist, dass ihr Interessen-Liebes-Angeldrehpunkt eigentlich ihr neuer Fast-Stiefbruder Grayson ist.
Lamentieren und jammern sind zwei Dinge, die Liv sehr gut kann. Anstatt jedoch Dinge nicht nur zu denken, sondern auch auszusprechen, greift sie lieber zur bewährten Methode des Selbstmitleids.
Liv entwickelt sich auch im zweiten Band leider überhaupt nicht. Sie ist ein sehr flacher, blasser Charakter, der einem schnell auf die Nerven geht. Ihre Handlungen sind meist nicht nachvollziehbar und scheinen einfach nur deshalb so gewählt worden zu sein, um die Story irgendwie weiter in die Länge zu ziehen. Mit ihren 16 Jahren verhält sie sich die meiste Zeit wie eine naive, vorpubertäre 10jährige.

Henry ist Livs Freund, natürlich unheimlich gut aussehend, hat immer diesen speziellen Blick, bei dem ihm alle Frauen zu Füßen liegen und könnte eigentlich jede haben. Warum er dann ausgerechnet Liv nimmt, ist und bleibt mir ein Rätsel. Henry scheint es besser zu verstehen, über die Dinge in seinem Leben nachzudenken und sich auch damit auseinanderzusetzen. Wirklich viel erfährt man über ihn nicht, aber er scheint nicht ganz so sinnfrei zu handeln, wie Liv es tut. Seine wohl herausragendste Eigenschaft ist es, plötzlich und immer am richtigen Ort aufzutauchen, ohne, dass es jemand bemerkt hat. Natürlich erschreckt sich Liv jedes Mal und bekommt einen halben Herzkasper, wenn sie sich gaaaaanz langsam zu ihm umdreht. Livs Probleme macht er Gott sei Dank nicht zu seinen eigenen – hat er davon doch selbst genug. Seine Eltern sind geschieden, beide kümmern sich nicht wirklich um ihre Kinder, sodass Henry den Laden zuhause irgendwie schmeißen muss. Dass er damit nicht gerade hausieren geht und ihm das Ganze peinlich ist, das sollte Liv doch begreifen oder? Nein, tut sie nicht, sie muss ein ganzes Staatsdrama draus machen. Dabei geht es Henry vor allem darum, eben diese Probleme von Liv fernzuhalten und die Zeit unbeschwert mit ihr zu genießen und glücklich zu sein.

Lottie, das Kindermädchen von Liv und Mia, mochte ich im ersten Band wirklich gerne. Sie war locker und witzig und auch, wenn ich mich da schon gefragt habe, wozu die beiden in ihrem Alter noch ein Kindermädchen brauchen, fand ich sie ganz passend. In diesem Buch hat sich Lottie allerdings extrem gewandelt. Sie scheint zur Haushälterin mutiert zu sein, die nicht mehr irgendwo Anfang 30 ist, sondern irgendwo weit darüber hinaus oder weit davor. Entweder verhält und kleidet sie sich, wie eine 50jährige oder aber wie eine 15jährige. Sie wuselt herum, ist total hektisch und kein bisschen locker. Witz und Humor sucht man in diesem Band bei ihr vergeblich. Was genau tut sie also noch bei den Silbers?

Mia ist mein Lieblingscharakter. Sie ist die einzige Person, die man als authentisch bezeichnen kann. Sie bleibt ihrem Alter und ihrem Charakter treu. Sie ist frech, witzig, aufmüpfig, verletztlich – alles was ein Kind an Repertoire zu bieten hat. Mit ihrer sehr liebenswürdigen Art wirkt sie einfach sehr sympathisch und erhöht den Unterhaltungswert des Buches um ein Vielfaches. Vor allem ihren unverwechselbaren, sarkastischen Humor muss man einfach mögen. Wäre Mia nicht gewesen, hätte ich das Buch wahrscheinlich gar nicht erst zuende gelesen.

Natürlich spielen auch Arthur, Grayson und Annabel wieder eine große Rolle. Kann ja auch nicht anders sein – gehörten sie doch im ersten Band noch zum „Dämonenverschwörungszirkel“. Annabel sitzt hinter den Türen einer Psychiatrie, Arthur muss irgendwie zusehen, dass er selbst klarkommt und Grayson ist eben Grayson. Er ist der Einzige, der sich daran hält, nicht mehr durch die Korridore zu stromern, sondern brav hinter seiner eigenen Traumtür zu bleiben. Liv gegenüber verhält er sich allerdings wie ein Arschloch, zu gute halten muss man ihm dennoch, dass er der Einzige ist, der überlegt handelt und jede Menge Mut beweist.

Wie schon im ersten Band, gilt für alle Charaktere: Entweder intelligent und hübsch (bis auf Liv), meistens sogar noch überaus beliebt oder hässlich und doof. So teilen sich sämtliche auftretende Personen in exakt zwei Schubladen auf, die zusätzlich auch noch absolut klischeebefüllt sind.

Da das Buch keine wirkliche Story, sondern nur Hin- und Hergeplänkel hat, die Charaktere absolut schwach und zum Teil sehr blass sind und ich einfach nicht verstehe, was denn dieses Buch nun bewirken sollte, konnte mich beides in keinster Weise überzeugen.

Was mir besonders gefallen hat: 

Wie auch schon im ersten Band, ist es der Schreibstil, der mich durch die Seiten getragen hat. Kerstin Gier versteht es, so zu schreiben, dass man weiterlesen muss. Sie befindet sich mit ihren Lesern quasi auf Augenhöhe, sodass sich vor allem jüngere Leser hier sicher gut aufgehoben fühlen.

Was mir nicht so gut gefallen hat: 

Der erste Band endete mit einem Cliffhanger, der schon ziemlich abgegriffen ist. Die Erwartung an den zweiten Band beinhaltete also, dass an diesem Cliffhanger angeknüpft wird, das offene Fragen beantwortet werden, vielleicht neue auftauchen und dass es spannend weitergeht. Nichts davon ist jedoch der Fall. Im Grunde könnte der zweite Band eine eigenständige, langweilige Geschichte sein. Die ganze Zeit über wird alles aus dem ersten Band noch einmal resümiert, was eigentlich nicht nötig gewesen wäre und oft ziemlich störend ist. Die Geschichte kommt zu keinem Zeitpunkt voran, spielt doch alles, was in Band 1 passiert ist, quasi keine Rolle mehr in Band 2. Wie gesagt, dreht sich die komplette Story ausschließlich um Liv und ihre Beziehung zu Henry. Genau diese Passagen laufen immer gleich ab. Sie treffen sich nachts in ihren Träumen, bequatschen irgendwas, knutschen herum, laufen durch die bunten Träume von Henrys kleiner Schwester und das war's. Ist Liv wach, begleiten wir sie durch ihren eintönigen, langweiligen Alltag, der etwa die Hälfte des Buches belegt. Die Träume und das Umherwandeln darin ist nicht einmal mehr spannend. Zwar treffen Liv und Henry zwischenzeitlich auf einen etwas durchgeknallten Traumwandler in den Korridoren, Liv lernt, sich zu verwandeln in was sie will, wann sie will und ja, ein paar Seiten lang kommt, dank Livs Schwester Mia, sogar ein wenig Spannung auf, aber das kann kein Buch von 400 Seiten tragen.
Nicht nur, dass keine Fragen zur Traumwelt geklärt werden, wie etwa die, die wohl jeder gerne beantwortet habe würde – woher kommt die Traumwelt und warum gibt es sie – zu diesen Fragen kommen nicht einmal neue hinzu. Die Handlung ist zu jeder Zeit vorhersehbar, sodass das Buch vor sich hin plätschert und keine Spannung aufkommen lässt. Auch der berühmte rote Faden lässt den Leser hier vollkommen im Stich. Eigentlich kämpft man eher mit dem noch berühmteren Gegenspielern – den Logiklücken und nicht nachvollziehbaren Handlungen. Besonders betrifft das die Motive desjenigen, der auf der Gegenseite von Liv und ihren Freunden steht. Der Schaden den er anrichten will und seine Motivation dazu, stehen in absolut keinem Verhältnis. Das ist aber gar nicht so schlimm, liegt der Hauptaugenmerk des Buches doch sowieso nicht auf diesem Problem, sondern auf den zwischenmenschlichen Problemen der einzelnen Charaktere. Zusammengefasst bedeutet dies, dass ich ein sehr flaches, langweiliges, zähes und nichtssagendes Buch gelesen habe, das einen Haufen Geld gekostet hat und keinerlei Berechtigung für einen dritten Band liefert: keine neuen Fragen, keine Antworten, kein Konfliktpotential...

Gestaltung:

Wenn man diesem Buch eine Sache jedoch nicht absprechen kann, dann ist es das wunderschöne Cover. Wie auch schon der erste Band, ist auch der zweite ein einziger Eyecatcher. Auf dem türkis-blauen Einband ist eine sehr interessant gestaltete Tür zu sehen, durch deren Scheiben man zwei Silhouetten sieht. Titel und Tür sind von Zweigen umrahmt, in denen Schlüssel hängen  und sich einige Vögel tummeln. Auch wenn man den Umschlag abnimmt, ist das Buch wieder sehr schön gestaltet. Was sich jedoch dieses Mal auf dem Buch verbirgt, sollte jeder selbst herausfinden, wenn er das Buch in den Händen hält.

Wertung:

Story und Charaktere konnten mich dieses Mal noch weniger überzeugen, als es in Band 1 der Fall war. Wäre es nach Band 1 noch interessant gewesen, was denn nun dran ist, an dieser Dämonensache und was es mit der Traumwelt nun auf sich hat, gibt es nach Band 2 absolut nichts, was sich in Band 3 beantworten ließe. Einzig dem wirklichen tollen Gier'schen Schreibstil, dem Charakter von Mia und dem tollen Cover ist es geschuldet, dass ich dem Buch noch einen Lila-Lesestern geben kann.


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