Montag, 15. Februar 2016

Rezension: "Die Buchspringer" (Mechthild Gläser)







Titel: Die Buchspringer
Reihe: Nein
Verlag: Loewe
Hardcoverausgabe mit 384 Seiten
ISBN: 978-3785574975
Vom Hersteller empfohlenes Lesealter: 12-15 Jahre
Preis:  17,95 Euro







Klappentext:

Während des Sommerurlaubs auf einer vergessenen Shetlandinsel erfährt Amy, dass sie als Mitglied der Familie Lennox of Stormsay über die Fähigkeit verfügt, in Bücher zu reisen und dort Einfluss auf die Geschichten zu nehmen. Schnell findet Amy Freunde in der Buchwelt: Schir Khan, der Tiger aus dem Dschungelbuch, hat stets wertvolle Ratschläge für sie, während Goethes Werther zwar seinen Liebeskummer in tintenhaltigen Cocktails ertränkt, Amy aber auch ein treuer Freund ist, seit sie ihn vor den Annäherungsversuchen der Hexen aus Macbeth gerettet hat. Lediglich die Idee, Oliver Twist Kaugummi zu schenken, war nicht die beste … Doch bald merkt Amy, dass die Buchwelt nicht so friedlich ist, wie sie zunächst scheint. Erst verschwindet Geld aus den Schatzkammern von Ali Baba, dann verletzt sich Elizabeth Bennet auf dem Weg zum Ball mit Mr Darcy, sodass eine der bekanntesten Liebesgeschichten der Weltliteratur im Keim erstickt wird. Für Amy ist klar: Sie muss den Störenfried stellen! Doch erst, als sich die Zwischenfälle auch auf die Realität auswirken und schließlich sogar ein Todesopfer fordern, wird Amy klar, wie ernst die Bedrohung ist. Worauf hat es der geheimnisvolle Attentäter wirklich abgesehen?

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Story und Charaktere:

Amy kann es nicht fassen. Ihr ganzes Leben lang hat ihre Mutter ihr eine der wichtigsten Tatsachen ihres Lebens vorenthalten. Erst, als sie gemeinsam zum Sommerurlaub nach Stormsay in Schottland reisen und Amy dort ihre Großmutter kennenlernt, kommt sie hinter das größte Geheimnis, das je um sie herum existiert hat. Nicht nur sie, sondern ihre ganze Familie, stammt aus einer Linie von Buchspringern, denen es möglich ist, in alle niedergeschriebenen Werke hineinzuspringen und dort nach dem Rechten zu sehen. Amy entstammt aber nicht nur einfach dieser Linie, sondern ist auch selbst eine Buchspringerin. Was sie zunächst für Unsinn hält, erweist sich jedoch schon bald als Realität und Amy reist ins Dschungelbuch, wo ihr ausgerechnet Shir Khan zur Seite steht. Außerdem findet sie in den Außenbezirken des Buches im jungen Werther einen Freund, als sie ihn vor den bösen Hexen aus MacBeth rettet. Neben all der Aufregung darüber, dass sie tatsächlich in jede x-beliebige Geschichte hineinspringen kann, tut sich jedoch langsam aber sicher ein Abgrund auf, der die Literatur in Gefahr bringt. Ein Dieb hat es sich zur Aufgabe gemacht, die wichtigsten Rudimente diverser Geschichten zu stehlen und diese somit zu ruinieren. Als plötzlich auch noch eine bekannte Romanfigur in der diesseitigen Welt tot aufgefunden wird, kann Amy nicht mehr an sich halten und versucht, mit Hilfe des jungen Werther und ihrem neuen Freund Will, der ebenfalls ein Buchspringer ist, zu retten, was noch zu retten ist. Die beiden Buchspringer stammen jedoch aus zwei unterschiedlichen Buchspringerclans, deren Friedensabkommen auf den wackligen Beinen einiger Fragmente eines im Feuer verloren gegangenen Manuskriptes steht. Und als diese Fragmente plötzlich verschwinden, ist guter Rat noch teurer geworden. 
Wird es Amy, Werther und Will gelingen, die Literatur zu retten? Was müssen sie selbst dafür opfern und welchen Gefahren müssen sie sich stellen? 

Amy ist eine sehr sympathische Hauptcharakterin, der ich sehr gerne durch das Buch und das damit verbundene Abenteuer gefolgt bin. Sie ist nicht die typische "Heldin", was mir ganz besonders gefallen hat. Aufgrund ihrer fehlenden Rundungen und ihrer Körpergröße, wurde sie in ihrer Schule sehr viel gemobbt und gehänselt. Kein Wunder also, dass es ihr schwer fällt, Vertrauen in andere Menschen zu fassen und Freunde zu finden. Dazu kommt noch eine gute Portion Tollpatschigkeit und schon hat man die perfekte Außenseiterin. All das sind Dinge, die sich mit ihrem Eintreffen auf Stormsay und der Offenbarung, dass sie eine Buchspringerin ist, ändern. Durch ihre neue Fähigkeit und ihre Liebe zur Literatur, die sie schon immer zu einer echten Büchernärrin gemacht hat, fasst sie plötzlich Vertrauen in sich selbst und entwickelt sich immer mehr zu einer entschlossenen und starken jungen Frau. Durch die Sache mit dem Literaturdieb kommt es dazu, dass sie ihre eigenen Grenzen auslotet, dass sie ihren Mut entdeckt und dass sie lernt, was es bedeutet, für seine Freunde einzustehen. Nicht selten bringt sie dabei jedoch ihre Neugierde in Gefahr, die sie hier und da ein wenig vorschnell handeln lassen.
Toll finde ich, dass Amy noch so etwas wie eine Zusatzgabe hat - sie kann mehr, als die anderen Buchspringer - und ich beneide sie um ihre Fähigkeit. Welche das ist, verrate ich natürlich  nicht, das soll jeder Leser selbst herausfinden.

Will hingegen weiß ich nicht so recht einzuordnen. Nach einem Vorfall beschließt er, kein Buchspringer mehr zu sein, was er natürlich nicht lange durchhalten kann, als Amy anfängt, sich immer weiter in sein Leben zu drängen. Er hat eine Art an sich, die sich nur schwer beschreiben lässt. Ich würde sagen, er ist undurchschaubar und rätselhaft. Ich mochte ihn, hätte aber wohl selbst eher Abstand von ihm genommen. Auf welcher Seite er eigentlich steht, bleibt lange ein Rätsel - das ist etwas, was den Charakter sehr interessant gemacht hat. Eine Art, einen Charakter zu gestalten, die ich so bisher nicht kannte und die mir sehr gut gefallen hat.

Die Fülle an Nebencharakteren hat mich ein wenig überrascht. Ich wusste zwar, durch den Klappentext, um die Begegnungen mit zahlreichen literarischen Figuren, doch mit der Vielzahl "diesseitiger" Charaktere hätte ich nicht gerechnet. Da die Menge sehr groß ist, fehlt es diesen Charakteren natürlich auch an Tiefe, wodurch einige nur blass in Erinnerung bleiben. 
Trotz der relativen Oberflächlichkeit der Charaktere, muss ich sagen, dass dennoch alle mit so spezifischen Eigenschaften ausgestattet wurden, dass diese Tatsache mich wenig gestört hat. Nur bei einigen Charakteren bin ich mir nicht sicher, warum sie überhaupt Erwähnung gefunden haben. Dazu zählt beispielsweise ein Onkel von Amy, der auch auf der Insel wohnt. Dieser scheint sehr geheimnisvoll zu sein, wird dann aber nicht weiter erwähnt. 

Story und Charaktere haben mir insgesamt aber durchweg gut gefallen und ich hätte nichts dagegen, einen Folgeband zu lesen und noch einmal mit Amy in die Buchwelt zu springen.

Was mir besonders gefallen hat:

Das Buch wird aus der Sicht von Amy in der Ich-Perspektive erzählt und aus der Sicht von Will, die allerdings in der 3. Person geschrieben ist. Mir hat diese Konstellation sehr gut gefallen, denn es passt zur Art der beiden Protagonisten. Man ist sehr nahe an Amy dran, während Will eine Distanz hält, die zu eben jener Charakterisierung führt, die ich oben vorgenommen habe.
Das fiktive Setting der Geschichte wurde perfekt ausgewählt. Eigentlich hat nur gefehlt, dass vor meinem Fenster ein Sturm wütet, so sehr war ich mit den Charakteren auf der Insel Stormsay in Schottland.
Die kurzen Ausschnitte eines unbekannten Märchens, die sich kontinuierlich vor jedem Kapitel durch das Buch ziehen, machen neugierig und erhöhen die Spannung des Buches - will man doch unbedingt herausfinden, was es damit auf sich hat. Generell spielt die Autorin mit ihrer ganz eigenen Art von Spannung, durch Wendungen und Irrwege weiß man eigentlich nie so genau, woran man ist. Man weiß nicht, wen man nun wirklich verdächtigen soll, ob die Verdächtigen wirklich verdächtig sind und ganz sicher rechnet man nicht mit den vielen kleinen Dingen, die in harmlosem Gewand daherkommen, aber wichtiger nicht hätten sein können. Diese Art von "Verwirrspiel" gefällt mir persönlich besonders gut, bleibt es doch bis zum Schluss spannend, wer denn nun wofür verantwortlich ist.
Als Buchliebhaberin haben mir natürlich vor allem die Anspielungen  und Ausflüge in die vielen verschiedenen Bücher gefallen, die Amy auf ihrem Abenteuer besucht. Egal, ob "Oliver Twist", "Peter Pan", "Anna Karenina", "Stolz und Vorurteil" oder oder oder - der Klappentext hat auf jeden Fall gehalten, was er versprochen hat. Schade nur, dass die Ausflüge immer so kurz waren. Meiner Meinung nach hätte das Buch gerne doppelt so dick sein dürfen. Die Brücke zwischen klassischer Literatur und Moderne wurde hier gekonnt geschlagen und ich hätte sie gerne ein Weilchen länger betreten.
Getragen wird all das durch den flotten, lockeren Schreibstil und den tollen, einfachen Sprachstil, die beide zum kurzweiligen Leseerlebnis dieses Buches in einem gemütlichen Sessel beitragen.

Was mir nicht so gut gefallen hat:

Wirklich sehr schade fand ich, dass man so gut wie nichts über Betsy erfahren hat und auch Clyde, Desmond und Glenn eher farblos blieben, obwohl all diese Figuren so wichtig für die Geschichte waren. Gerne hätte ich auch mehr erfahren über die Fehde zwischen den Lennox und den Macalisters, deren brüchigen Frieden und deren Geschichte. Diese Dinge kamen mir am Ende ein wenig zu kurz.
Dafür gab es zu viel Raum für Amys Zweifel an Wills Gefühlen. Obwohl ich die beiden Hauptcharaktere als sehr authentisch empfand, wurde mir hier doch eine Portion Zweifelei zu viel in die Geschichte gerührt. Dieser Umstand hat irgendwann einfach nur genervt und mich tatsächlich dazu gebracht, beim Lesen die Augen zu verdrehen.

Außerdem, das erste Mal meinerseits eine Kritik am Klappentext - meiner Meinung nach verrät er schon viel zu viel über den Inhalt. Aber das ist Empfindungssache und fließt deshalb nicht in die Wertung ein.

Gestaltung:

Durch das Cover bin ich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam geworden. Ein Mädchen hält einen Drachen in Form eines aufgeklappten Buches an einer Schnur fest und lässt diesen in den Himmel steigen. Um sie herum fliegen mehrere Bücher durch die Luft, aus einem springt sogar eine Wildkatze heraus, aus dem Drachen steigt eine männliche Figur empor und in der oberen rechten Ecke fliegt eine Hexe durch die Luft. Am Boden sitzt ein kleiner Hase und ein Baum steht in der Ferne. Die wunderschöne Farbgebung unterstreicht das zauberhafte Bild, das mehr als passend für die Geschichte und das Buch ist.

Wertung:

Ein phantasievolles, fesselndes, buchtastisches Abenteuer, wie ich es mir vom Klappentext, Titel und Cover gewünscht habe. Das Buch hat mir ein paar tolle Lesestungen beschert und ich hätte nichts dagegen, die Insel Stormsay noch einmal zu besuchen. Insgesamt vergebe ich an dieses Buch 4,5 LilaLesesterne und eine klare Leseempfehlung.



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